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Siemens: Großbaustelle am Wittelsbacherplatz

08/04/2014

Bürokratisch, chaotisch, verschnarcht: Mit der von Ex-Chef Peter Löscher betriebenen Einführung einer Vier-Säulen-Strategie ist der Münchner Siemens-Konzern schwer in die Defensive geraten. Nun plant Löschers Nachfolger Joe Kaeser den Befreiungsschlag. Weshalb Anleger sich bei der Siemens-Aktie schon mal auf die Lauer legen sollten.

Um den Münchner Siemens-Konzern ist es in den vergangenen Monaten ungewohnt ruhig geworden. Zwar sorgte der neue Konzernchef Joe Kaeser am Mittwoch mit einem peinlichen Kotau vor Russlands Präsident Putin für Aufsehen („Herr Präsident, ich darf Ihnen zunächst für die herausragende Olympiade gratulieren. Das war für die Welt eine gelungene Zusammenkunft.“). Doch ansonsten dringt derzeit kaum noch ein Laut aus der sonst so mitteilsamen Siemens-Zentrale im Herzen Münchens. Aber hinter den ehrwürdigen Mauern am Wittelsbacherplatz werden die Tage derzeit immer länger – und das liegt nicht an der Sommerzeit.Fieberhaft und sorgsam abgeschottet vom Rest der Mannschaft arbeitet der Vorstand um Kaeser und seinen Strategiechef Horst Kayser an einem weitreichenden Konzernumbau. Noch sind die Pläne streng geheim. Doch am 8. Mai ist es damit vorbei. Dann will der zum 1. August als Nachfolger für den geschassten Siemens-Boss Peter Löscher an die Konzerspitze berufene Kaeser seine Vorstellungen erstmals öffentlich präsentieren.Klar ist schon jetzt: Es wird kaum ein Stein auf dem anderen bleiben. „Wir erwarten, dass Siemens seinen strategischen Fokus deutlich schärft“, schreibt etwa Andreas Willi, Siemens-Analyst bei JP-Morgan in einer aktuellen Studie und zeichnet schon mal ein „hypothetisches Szenario“: Danach dürfte Kaeser die vier von Löscher eingeführten Sektoren Industrie, Energie, Medizintechnik und Infrastruktur auflösen und sie durch die sechs Sparten Stromerzeugung, Energieübertragung, Energieverteilung, Industrie- und Bahnsteuerung, Gebäude-Technologie und Gesundheit ersetzen.

Aber Kaeser dürfte sich wohl kaum auf den organisatorischen Umbau beschränken. Künftig könnte jeder Vorstand für eine Einheit auch wieder operativ direkt verantwortlich sein und zusätzlich eine Zentral-Funktion wie Personal oder IT übernehmen. Damit würde die Macht der Zentral-Vorstände deutlich ausgeweitet – zulasten der bislang einflussreichen Spartenchefs.

Auf Seite 2: Überfälliger Umbau

 

Überfälliger Umbau

Doch dem Niederbayern bleibt kaum eine andere Wahl. Denn die von Löscher eingeführte Vier-Säulen-Strategie erwies sich rasch als Management-Gau. Statt neue Wachstumsmärkte wie den von Löscher ausgerufenen Jahrhundert-Trend Megacitys mit einem angeblichen Umsatzpotenzial von 300 Milliarden Euro zu beackern, war der Konzern verstärkt mit sich selbst beschäftigt. Auch die potenziellen Kunden murrten immer vernehmlicher: Denn während es früher einen zentralen Ansprechpartner gegeben hatte, musste sich die anspruchsvolle Klientel unversehens mit drei, vier und noch mehr Siemens-Mitarbeitern rumschlagen. Zudem wucherte die Bürokratie im weit-verzweigten Siemens-Reich ungebremst vor sich hin. Praktisch in jedem Sektor wurden alle Konzernfunktionen wie Personal oder Finanzen gleich noch mal aufgebaut.

Auch inhaltlich erwies sich die neue Struktur als Flop. Beispiel Städte- und Infrastruktur: Unter das Mega-City-Dach – im Konzernjargon auch als „Peters Resterampe“ belächelt – packte Löscher kurzerhand ICE-Züge, Gepäckförderanlagen oder Videoüberwachungssysteme. Von den von Löscher vollmundig angekündigten Synergien fehlte bis zuletzt jede Spur.

Zusätzlich verschärft wurde die ohnehin trostlose Lage noch durch immer offensichtlichere Management-Desaster. So kostete der Dauerstreit mit der Bahn wegen angeblich mangelhafter ICE-Züge (Kaeser: „eine Mega-Peinlichkeit“) den stolzen Konzern einen dreistelligen Millionen-Betrag. Auch der verpatzte Anschluss der Windparks in der Nordsee wurde zum Millionen-Grab. Alleine im Geschäftsjahr 2011/2012 musste der Konzern wegen der Verzögerungen über 570 Millionen Euro abschreiben.

Kein Wunder also, dass der Rendite-Abstand der Münchner zum Branchenprimus General Electric riesig bleibt. Der US-Konzern legte im Vorjahr eine operative Marge von 18 Prozent hin. Siemens schaffte gerade mal 7,5 Prozent – viel zu wenig meckern Analysten.

 

Fokus auf Profitabilität

Nun will Kaeser die überfälligen Konsequenzen ziehen. Siemens sei zwar ein starkes Unternehmen, sagte Kaeser Mitte März auf einem Management-Kongress in München. „Dennoch wachsen unsere Wettbewerber schneller und erzielen eine höhere Ertragskraft“. Darauf müsse Siemens reagieren und sich stärker auf profitable Bereiche konzentrieren.

Die Aussage deutet darauf hin, dass die Ertragsperlen Industrie-Automation, Power Generation oder Röntgen-Geräte weiterhin eine rosige Zukunft im Siemens-Reich haben. Mit operativen Margen (Ebita) zwischen 14,5 und 18,7 Prozent verdienen die Münchner hier richtig gutes Geld.

 

Verkaufskandidaten

Fragezeichen stehen dagegen hinter der Zukunft anderer Konzern-Bereiche. Das Geschäft mit Hörgeräten dürfte über kurz oder lang erneut zur Disposition stehen. Bereits 2010 hatten die Münchner den Bereich auf die Verkaufsliste gesetzt, dann aber die Notbremse gezogen. Medienberichten zufolge lagen die Gebote damals deutlich unter dem angestrebten Verkaufspreis von zwei Milliarden Euro. Auch der Verbleib des Metallurgie-Geschäfts ist laut JP Morgan offen. Hier wäre ein Verkaufserlös von 500 Millionen bis einer Milliarde Euro drin, schätzt JP Morgan-Analyst Willi.

Selbst der Verkauf des Großteils der Healthcare-Sparte könnte wieder ein Thema werden, glaubt Willi. Immerhin hatte Siemens die Idee bereits vor gut einem Jahr öffentlich diskutiert, aber dann wieder fallen lassen. Nun könnte Kaeser einen neuen Anlauf nehmen.

Eine klarere Ausrichtung auf renditestärkere Bereiche sowie eine stärkere operative Verantwortung des Vorstands käme unter Investoren gut an. Zudem könnte Kaeser am 8. Mai auch mit weiteren Kosteneinsparungen am Kapitalmarkt punkten. Die Erwartungen an Kaesers Neuaufstellung jedenfalls sind hoch: „Ein Non-Event“, ist sich JP Morgan-Analyst Willi sicher, „kann sich der Konzern nicht leisten“.

 

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From → Börse

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