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Risse in der Doppelspitze

03/06/2013

 SAP » Die jüngsten Entscheidungen befeuern die Ängste vor einem schleichenden Bedeutungsverlust in Walldorf – und offenbaren Konflikte innerhalb des Führungsduos.

 

München. Bei den deutschen Beschäftigten des Softwarekonzerns SAP wachsen angesichts der jüngsten Personalentscheidungen neue Befürchtungen vor einem Bedeutungsverlust der deutschen Standorte. „Das Kräfteverhältnis verschiebt sich immer weiter von Walldorf in Richtung USA. Viele Mitarbeiter sehen diese Entwicklung mit großer Sorge“, heißt im Vorfeld der HV am Dienstag aus der SAP-Zentrale in Walldorf.

Zum Beleg verweisen SAP-Mitarbeiter auf die jüngsten Entscheidungen zum Außenauftritt des Konzerns. So werden die Kommunikations- und die Marketingabteilung zusammengelegt und Marketingchef Jonathan Becher unterstellt. Becher sitzt in den USA und berichtet direkt an SAP-Co-Chef Bill McDermott. Auch die neue Kommunikationschefin Victoria Clarke (54) ist Amerikanerin und wird ihren Sitz im US-Hauptquartier in Newton Square im US-Bundesstaat Pennsylvania haben. Clarke, die in der Amtszeit von George W. Bush Pressesprecherin von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld war, tritt Mitte Juni an. Bislang war die PR-Abteilung mit ihren inzwischen rund 200 Mitarbeitern weltweit von Walldorf aus gesteuert worden.

In informierten Kreisen heißt es, mit der Berufung von Clarke habe sich SAP-Co-Chef Bill McDermott gegen Co-CEO Jim Hagemann Snabe durchgesetzt.

Konzernintern gilt die Personalie vielen als Indiz für die wachsenden Risse im Binnenverhältnis des Spitzenduos. Snabe und McDermott waren 2010 nach dem abrupten Abgang des damaligen Konzernchefs Leo Apotheker an die Konzernspitze gerückt hatte und hatten SAP seither erfolgreich neu ausgerichtet. Der Aktienkurs hat sich unter ihrer Führung praktisch verdoppelt.

Seit der Berufung des Duos hatte der Konzern sorgsam das Bild von der geschlossenen Doppelspitze gezeichnet. Auch Snabe und McDermott beteuerten stets ihre Nähe. Hinter den Kulissen habe sich das Verhältnis jedoch zuletzt eingetrübt. McDermott sei „extrem ehrgeizig“, heißt es. Bei vielen SAP-Mitarbeitern wüchsen die Zweifel, ob McDermott „auf Dauer einen Co-Chef neben sich duldet“, sagte ein SAP-Mitarbeiter.

Unter Beobachtern sorgt die geplante PR-Offensive made in USA für reichlich Verwunderung. Die Entscheidung sei „sehr ungewöhnlich“, heißt es aus der Branche. Zwar sei die USA für den Konzern ein wichtiger Markt. Aber SAP spiele in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland eine „herausragende Rolle“ und sei hier tief verwurzelt. Daher wäre die Kommunikation hier „am besten“ aufgehoben. Bei Oracle würde doch „auch niemand ernsthaft darüber nachdenken, die Kommunikation nach Deutschland zu verlegen“, sagte ein PR-Profi dieser Zeitung.

Ein SAP-Sprecher widersprach der Darstellung über eine Eintrübung des Verhältnisses zwischen McDermott und Snabe vehement. Das Verhältnis zwischen beiden sei „hervorragend“. Auch die implizite Kritik an den jüngsten Entscheidungen zur Verlagerung der PR wies der Sprecher zurück. Das Gros der SAP-Entwickler arbeite weiterhin in Deutschland. Doch SAP sei ein internationaler Konzern. Vor allem die Bedeutung des US-Marktes sei in den vergangenen Jahren noch gewachsen. Alle wichtigen Themen wie Mobillösungen oder Cloud-Computing würden in den USA vorangetrieben. Darauf müsse man reagieren.

Die Befürchtungen in Walldorf über den wachsenden Einfluss der US-Standorte waren beim jüngsten Personal-Revirement noch befeuert worden. Das größte europäische Softwarehaus hatte vor Wochenfrist die Zuständigkeiten im Vorstand neu geordnet. Danach verlässt der bislang für das Cloud-Geschäft zuständige Vorstand Lars Dalgaard das Unternehmen. Dalgaard war mit der Übernahme des US-Cloud-Spezialisten SuccessFactors im vergangenen Jahr zu SAP gekommen und führte sein Ressort aus den USA.

Seine Kompetenzen werden nun aufgeteilt. Zwar erhält mit Bernd Leukert auch ein Deutscher mehr Einfluss. Doch er berichtet an Entwicklungsvorstand Vishal Sikka – und der sitzt im Silicon Valley. Der Inder gilt als der große Gewinner des Umbaus. Sikka ist künftig für alle neuen Produkte verantwortlich. Damit wird seine Position weiter aufgewertet. Der promovierte Informatiker ist der engste Vertraute des mächtigen Aufsichtsratschef Hasso Plattner und treibt seine Mannschaft vom SAP-Entwicklungslabor im kalifornischen Palo Alto aus. Nun würden noch mehr Kompetenzen bei Sikka gebündelt. Der US-Standort gewinne damit weiter an Bedeutung, heißt es aus Walldorf. Co-CEO Jim Hagemann Snabe geht bei den Umbauten dagegen leer aus.

Unterdessen zeichnen sich innerhalb des Vorstands weitere Weichenstellungen ab. Innerhalb des Konzerns gilt Luka Mucic inzwischen als möglicher Nachfolger von Finanzvorstand Werner Brandt. Brandt scheidet altersbedingt mit der Hauptversammlung 2014 aus dem Vorstand aus. Mucic, der lange Finanzvorstand der SAP Deutschland AG war, steigt im Zuge der jüngsten Personalentscheidungen zum Head of Finance auf und zieht zudem ins Global Managing Board ein. Das unterhalb des Vorstands angesiedelte Gremium gilt als Sprungbrett in den Vorstand.

 

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From → Börse, IT

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