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Dietmar Hopp: Schlaf gab’s eher wenig

30/03/2012

Der SAP-Mitgründer über den 40. Geburtstag des Softwarekonzerns, die hakeligen Anfänge, versäumte Skiausflüge und die Stärken des neuen Führungsduos

Die SAP-Mitgründer (v.li) Klaus Tschira, Hans-Werner Hector, Dietmar Hopp und Hasso Plattner

Die SAP-Mitgründer (v.li.) Klaus Tschira, Hans-Werner Hector, Dietmar Hopp und Hasso Plattner

München. Wenn der Walldorfer Softwareriese SAP in diesen Tagen seinen 40. Geburtstag feiert, könnte die Stimmung kaum besser sein. Scheinbar unbeeindruckt von Schuldenkrise und Rezessionsängsten hat der Konzern 2011 ein Rekordjahr hingelegt. Und für 2012 soll alles noch schöner und größer werden. Euro am Sonntag sprach mit SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp über die Gründungszeit, Diskussionen mit dem Schwiegervater und das aktuelle Führungsduo.

Herr Hopp, an diesem Sonntag jährt sich der 40. Jahrestag der Gründung von SAP. Werden Sie mit Ihren Mitgründern eine große Geburtstagsparty feiern?

Wir haben keine gemeinsame Feier geplant. Aber es könnte sein, dass Hasso Plattner zum Heimspiel von Hoffenheim gegen Schalke 04 ins Stadion kommt. Ein Glas Sekt wird dann schon drin sein. Und vielleicht klappt’s auch noch mit einer Party in großer Runde.

Aus dem Start-up mit fünf Mitarbeitern ist binnen 40 Jahren ein Weltkonzern geworden mit zuletzt über 14 Milliarden Euro Umsatz und 56.000 Mitarbeitern weltweit. Wie ungläubig schauen Sie manchmal noch auf diesen Erfolg?

Wenn einer von uns behaupten würde, wir seien angetreten, um einen Weltkonzern zu gründen, würde er übertreiben. Wir sind angetreten mit einer Idee, die uns Spaß gemacht hat und von der wir überzeugt waren und wir hatten günstige Randbedingungen.

Nämlich?

Wir hatten die Zeit gehabt, die Idee zu entwickeln. Außerdem hatten wir das Glück, die richtigen Partner in der Industrie zu finden, die uns erlaubt haben, die Software zu entwickeln und zu testen – und zwar auf deren Rechnern. Groß-Rechner waren für uns damals ja völlig unerschwinglich.

Datenverarbeitung war damals eine anstrengende Sache. Die Sachbearbeiter füllten ihre Belege aus und leiteten sie an die Datentypistinnen weiter, wo sie erfasst wurden. Anschließend liefen die Daten über den Rechner, zunächst in einem Prüflauf, dann in einem Rechenlauf. Danach kamen die Fehlerlisten. Es war einfach archaisch. Wir hatten einen integrierten Ansatz. Viele  haben damals gesagt: Die spinnen, das geht doch nicht. Aber es ging.

Wer hatte denn die Idee, Lochkarten den Garaus zu machen?

Der erste, der – noch mit Lochkarten – eine Standardbuchhaltung für IBM entwickelt hat, war Claus Wellenreuther. Das war der Ansatz in Richtung Standardisierung. Ich hatte den Kunden ICI Eurofibers. Zu dieser Zeit kam der vier Jahre jüngere Hasso Plattner als Assistent zu mir. ICI brauchte eine neue Auftragsbearbeitung. Wir haben ICI vorgeschlagen, die Daten per Bildschirm einzugeben und so die Grundlage für eine Datenverarbeitung in Echtzeit gelegt. Plattner und ich haben dann eine Real-Time-Anwendung für die Auftragsbearbeitung geschrieben, einschließlich Verfügbarkeitsrechnung und Drucken der Versandpapiere. Für den Anfang war das ein respektabler Schritt, der große Beachtung fand. Wenn die IBM damals gesagt hätte: Wir ziehen ein Team zusammen, das ihr führt, wäre die Geschichte womöglich anders gelaufen. Aber das war Gott sei Dank nicht der Fall. Wir waren Mitarbeiter der IBM-Geschäftsstelle Mannheim und die wollten uns wohl nicht an die Zentrale abgeben. Deshalb haben wir fünf beschlossen, uns selbständig zu machen.

Womit die IBM nach dem Betriebssystem für PCs von Microsoft-Gründer Bill Gates das zweite große Ding in der Softwarewelt verschlafen hat?

Dass das ein großes Ding werden würde, haben wir ja selbst nicht gesehen. Da kann man keinem einen Vorwurf machen (lacht).

Mit Gründung der SAP haben Sie alle ihre gut bezahlten Jobs bei IBM aufgegeben. Hatte damals eigentlich keiner Angst vor dem Scheitern?

Die Firmengründung war am 1. April, am 27 April 1972 wurde unser ältester Sohn geboren, dennoch hatte ich keine Angst. Ich habe mir aber immer gesagt: Wenn es schief geht, kriege ich jederzeit wieder einen guten Job.

Aber Sie hatten direkt einen Termin bei Ihrem Schwiegervater?

Ja, der hatte große Bedenken, war aber gutwillig (lacht).

Ihre Qualifikationsprofile waren ja ziemlich heterogen?

Das kann man so sagen. Claus Wellenreuther hatte einen sehr guten Ruf als Experte für Rechnungswesen. Klaus Tschira ist Physiker, Hans-Werner Hector ist Mathematiker, Plattner und ich sind Ingenieure für Nachrichtentechnik. Abgesehen von Wellenreuther hatten wir alle keine Ahnung von Buchhaltung. Aber die haben wir ganz schnell bekommen, auch, weil wir unseren Kunden zugehört haben. Das war eine große Stärke. Nichts hat mich später mehr verrückt gemacht, als wenn einer unserer Leute gesagt hat: Unsere Kunden sind zu dumm, unsere Software zu kapieren. Darauf habe ich immer entgegnet: Nein, unsere Software ist zu kompliziert. Diese Kundenorientierung hat uns groß gemacht.

Sie mussten ja ziemlich schnell lernen?

Wir haben ICI gesagt: Am 1. Januar 1973 laufen Buchhaltung, Auftragsabwicklung, Einkauf, Materialwirtschaft und Bestandsführung.

In neun Monaten?

Ja, das war eigentlich Wahnsinn, zumal wir nur nachts beim Kunden arbeiten konnten. Schlaf gab’s auch eher wenig.

Stattdessen nächtelange Programmierorgien, dazu Cola und Pizza aus Pappschachteln?

Wir hatten unser Büro über dem Rechenzentrum, in einem Lager mit provisorischen Tischen. Da wurde es oft Mitternacht und auch mal zwei Uhr morgens, je nach Testläufen. Und wir arbeiteten häufig auch am Samstag und am Sonntag. Ich habe meiner Frau oft gesagt: Ich muss am Wochenende arbeiten, dafür gehen wir dann am Montag zum Skifahren in den Schwarzwald oder im Sommer an den Baggersee. Aber das hat nicht ein einziges Mal funktioniert.

SAP-Entwickler in den frühen Jahren

Aber Sie sind immer noch verheiratet. Das hat Ihre Frau also offenbar nicht abgeschreckt?

Das hat sie mitgetragen und wir sind nun seit 45 Jahren verheiratet. Für die Kinder war es auch nicht so toll, den Vater nicht so häufig zu sehen. Aber auch die haben es mir verziehen.

Wäre so ein Erfolg heute überhaupt möglich?

Ich glaube, heute wäre es sehr viel schwieriger, weil die Zeit nicht mehr da ist. Wir hatten damals nur unsere Idee, unsere Köpfe und unseren Fleiß. Heute müsste die Idee so revolutionär sein, dass man damit schnell einen hohen Umsatz erzielen kann. In Deutschland ist das eigentlich kaum noch möglich. Es fehlt an Risikokapital, an einem entsprechenden Steuersystem und an der Mentalität. In den USA ist das ganz anders. Da gibt es genügend Geld für hoffnungsvolle Ideen, und wenn einer scheitert, ist das kein Makel.

Nun hat die SAP trotz aller Überlegungen über einen Verkauf etwa an Microsoft als unabhängiges Unternehmen durchgehalten. Was meinen Sie: Wird SAP auch in 40 Jahren noch selbständig sein?

2003 war es nicht so, dass wir verkaufen wollten, sondern wir hätten Microsoft-Aktien erhalten und SAP wäre als Unternehmen erhalten geblieben, im Verbund von Microsoft. Das wäre aus meiner damaligen Sicht die Lebensversicherung für SAP schlechthin gewesen. Doch nach der Erholung der SAP in den vergangenen beiden Jahren bin ich ziemlich sicher, dass die SAP auch in 40 Jahren als unabhängiges Unternehmen existieren wird.

Wären Sie denn grundsätzlich bereit, sich von Ihren Anteilen zu trennen, wenn die Anteile in gute Hände kämen?

Nicht ohne Not, die ich aber für mich als Privatmann nicht sehe und für meine Stiftung auch nicht.

Wenn man auf die jüngste Vergangenheit schaut, ist das Bild sehr unterschiedlich. Noch vor drei Jahren hatte SAP mit einem Kundenaufstand zu kämpfen, es gab einen Personalabbau, die übliche Gehaltserhöhung fiel aus. Wie schlimm war die Situation damals aus Ihrer Sicht wirklich?

Börsenstart: Hasso Plattner beim IPO 1988 auf dem Frankfurter Parkett.

Die Lage war ernst. SAP litt damals nicht nur unter einem Image-, sondern auch unter einem Vertrauensverlust. Dazu kam, dass 600 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen mussten. Da sind richtig gute Leute gegangen. Das hat SAP scheinbar nicht nachhaltig geschädigt, hat aber viel Substanz gekostet. Das hätte man anders lösen können.

Wie?

Man muss ja nicht immer eine operative Marge von 26 oder 28 Prozent erreichen. Man kann auch mal mit 20 Prozent zufrieden sein.

Beim Wechsel von Léo Apotheker zur Doppelspitze mit Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott vor gut zwei Jahren waren viele Beobachter überrascht. Kaum einer hatte die beiden auf dem Zettel. Aber seither ist es deutlich nach oben gegangen. Die Produktpipeline ist voll, die Innovationen kommen schneller, die Strategie ist general-überholt. Und an der Börse ist SAP inzwischen eines der am höchsten bewerteten Unternehmen im DAX. Da müssten Sie doch ganz zufrieden sein, oder?

Da muss man mehr als zufrieden sein.

SAP-Co-CEO Jim Hagemann Snabe

SAP-Co-CEO Jim Hagemann Snabe

Hätten Sie geglaubt, dass die beiden Neuen so die Kurve kriegen würden?

Ganz ehrlich? Nein. Aber sie haben sehr geschickt agiert, gerade auch bei den Übernahmen. Sybase war 2010 eine Verstärkung, die jüngste Übernahme von SuccessFactors war eine gute Entscheidung. Und auch die Akquisition von Business Objects, die noch unter Léo Apotheker lief. Das waren strategisch richtige Schritte.

Wie gut ist SAP denn jetzt wieder aufgestellt?

Überragend.

Und Snabe/McDermott sind also die Doppelspitze für das nächste Jahrzehnt?

Das kann ich nur hoffen, jung genug sind die beiden.

Als SAP 2006 als letzter DAX-Konzern einen Betriebsrat erhielt, galten Sie nicht gerade als großer Anhänger dieser Idee?

Überhaupt nicht (lacht).

 

SAP Co-CEO Bill McDermott

SAP Co-CEO Bill McDermott

Ist die Skepsis geblieben?

Ich war damals der Meinung, die SAP sollte ihren Mitarbeitern gegenüber so fair sein, dass man eine solche Institution nicht braucht. Ein Betriebsrat kostet ja enorm viel Kraft, Zeit und Geld. Es ist anders gelaufen. Insofern habe ich mich meinen Frieden damit geschlossen.

 

Also haben sich Ihre Befürchtungen nicht bestätigt?

Es ist nicht so schlimm geworden, wie ich es befürchtet habe. Und es läuft ja so, dass es die SAP nicht wesentlich behindert. Früher wurden schwierige Fragen im Aufsichtsrat geklärt. Dafür gibt es heute den Betriebsrat. Das macht viele Dinge durchaus leichter.

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From → Börse, IT

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