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„Hasso kann um die Ecke gucken“

30/01/2012

Die SAP-Chefs Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott über das Marktumfeld, die Seherfähigkeiten von SAP-Mitgründer Hasso Plattner und warum Erzrivale Oracle sich warm anziehen muss

Herr McDermott, Herr Snabe, Schuldenkrise in Europa, weltweite Rezessionsängste, aber SAP liefert das beste Jahr seiner Unternehmensgeschichte und peilt für 2012 ein weiteres Rekordjahr an: Ist SAP rezessionssicher?

Snabe: Kein Unternehmen ist auf Dauer gegen eine Rezession gefeit. Es stimmt: Wir erleben gerade unsichere Zeiten, aber wir sind nicht in einer Rezession, und schon gar nicht in einer Rezession wie 2008. Wir treffen eine Menge von Unternehmensführern und alle sagen: Wir sehen immer noch viele Möglichkeiten, Geschäfte zu machen. Das Gute in unsicheren Zeiten ist doch, dass Unternehmen beweisen können, wie gut sie wirklich sind. Bei einer boomenden Konjunktur läuft es bei allen. Jetzt zeigen sich die Unterschiede. Dieses Umfeld eröffnet für SAP neue Chancen, weil wir Unternehmen dabei helfen, schneller zu sein, effizienter und innovativer.

Aber das Umfeld trübt sich ein. Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognose gerade nach unten revidiert. In Europa erwartet der IWF jetzt eine „milde Rezession“, auch für Wachstumstreiber wie China schlägt der IWF nun Molltöne an. Ungeachtet dessen will SAP 2012 bei Software- und Wartungserlösen zehn bis zwölf Prozent zulegen. Sind Sie da nicht ein bisschen arg optimistisch?

McDermott: SAP ist ein kundengetriebenes Unternehmen und klarer Innovationsführer. Und wir sehen, dass innovative Marktführer am stärksten wachsen. Für Innovationen brauchen sie die richtigen Softwarelösungen. Das können mobile Lösungen sein, Cloud-Dienste, bei denen Unternehmen per Web auf ihre Daten zugreifen oder hochleistungsfähige Datenbanken und Anwendungen, die Unternehmen helfen, effizienter zu sein. Wir haben für alle diese Anwendungsfälle die jeweils besten Lösungen, ob das HANA für Datenbanken ist, oder Sybase für mobile Lösungen oder für Cloud-Dienste, die wir mit der geplanten Übernahme von SuccessFactors massiv ausbauen werden. Wir sind hervorragend aufgestellt.

Mag sein, aber die Risiken wachsen. Wo sehen Sie im laufenden und im nächsten Jahr die größte Gefahr für Ihr Geschäft?
Snabe: Das wohl größte Risiko wäre ein Vertrauensverlust, wie wir es 2008 erlebt haben, als die Börsen einbrachen. Aber die Welt hat sich weiterentwickelt. Das Risiko, dass sich etwas Ähnliches wiederholt, ist geringer. Und selbst wenn, wären die Folgen wohl längst nicht so gravierend. Denn viele Unternehmen haben deutlich bessere Bilanzen als 2008. Aber um es ganz klar zu sagen: Bislang haben wir für eine solche Verschlechterung des Marktumfelds keinen Hinweis.

Die Pipeline ist weiter gut gefüllt?

McDermott: Nicht nur das, die Pipeline ist sogar besser gefüllt als noch vor einem Jahr. Wir sind im vergangenen Jahr selbst in Ländern wie Spanien, Portugal oder Italien, die schwer zu kämpfen haben, um über 20 Prozent gewachsen. In der Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika haben wir ein Plus von 21 Prozent geschafft, in Amerika 25 Prozent, in Asien Pazifik 32 Prozent. Das zeigt: Globale Marktführer, die Qualität liefern, sich das Vertrauen ihrer Kunden erarbeitet haben, innovativ sind und neue Produkte auf den Markt bringen, bleiben auch in einem unsicheren Umfeld gefragt.

Die Starken werden also stärker?

Snabe: Ja. Wir definieren Stärke aber anders: Für uns bedeutet Stärke die Fähigkeit, schneller neue Lösungen auf den Markt zu bringen. Apple hat gerade überragende Zahlen gebracht, die zeigen: Verbraucher, sind auch in unsicheren Zeiten bereit, Geld auszugeben. Was charakterisiert Apple? Eine überragende Innovationskraft, Schnelligkeit, Vorsprung vor dem Wettbewerb und Relevanz für die Kunden. Das alles bieten wir auch.

SAP ist also eine Art Apple im Markt für Unternehmenssoftware – nur ohne Apfel?

McDermott: Ich denke, ja.

Bitte?

McDermott: Zwei Drittel unseres Wachstums im vierten Quartal kamen durch neue Produkte. Bei Apple ist das ganz ähnlich.

Als Sie im Februar 2010 nach dem überraschenden Abgang von Leo Apotheker an die SAP-Spitze berufen wurden, war die Ausgangslage völlig anders. Viele Kunden vor allem in Deutschland waren stinksauer, es gab Gewinnwarnungen, die Kursentwicklung war mitleiderregend. Das ist erst mal vorbei. Im jüngsten Quartal haben Sie zum zweiten Mal in Folge besser abgeschnitten als ihr Erzrivale Oracle, die Aktie läuft und bei der Leserwahl von Euro am Sonntag zum Unternehmer des Jahres haben Sie jetzt auch noch gewonnen: Wie erklären Sie sich das: Ist der Wettbewerb so schlecht, war SAP so gut, oder sind Sie am Ende einfach nur zwei Jungs mit wahnsinnig viel Glück?

Snabe: Wir haben uns am Anfang sehr stark auf die Neuausrichtung unserer Strategie konzentriert. Statt einer Wischi-Waschi-Strategie, die man auf 100 Seiten erklären musste, haben wir einen Plan entwickelt, der einfach war, innovationsgetrieben und kundenzentriert.

Das sagen andere auch.

Snabe: Aber wir haben es dann auch getan. Ein wichtiger Teil davon war, dass wir den adressierbaren Markt mit neuen Angeboten wie Cloud Computing, modernen Datenbanken oder mobilen Lösungen verdoppeln wollten von 110 auf 230 Milliarden Dollar. Dann sind wir zu Kunden und Mitarbeitern gegangen, um unsere Vision mit ihnen zu teilen. Das war die Initialzündung. Mindestens genauso wichtig wie die Strategie ist aber die Umsetzung, oder Bill?

McDermott: Absolut. Bei der Umsetzung hat unser Öko-System eine zentrale Rolle gespielt, denn das sind Multiplikatoren für SAP. Wettbewerber haben ja versucht, alte Technologien zu konsolidieren und ihren Kunden alles aus einer Hand zu verkaufen, um sie so an sich zu ketten.

Sie meinen Oracle…

McDermott:…Wir haben uns für das Gegenteil entschieden.Bei uns hat der Kunde die Wahl.

Sie haben ihre Strategie also Gegenentwurf zu Oracle gestrickt?

Snabe: Wir haben uns den Markt angeschaut und dann einige sehr grundsätzliche Entscheidungen getroffen. Natürlich gab es immer wieder Fragen von Investoren: Warum kauft ihr keine Marktanteile hinzu. Wir haben das abgelehnt. Wir wollten nicht die Vergangenheit konsolidieren. Wenn wir etwas kaufen, dann, um unser Wachstum zu beschleunigen. Und wir haben uns dagegen entschieden, die gesamte IT Wertschöpfungskette zu liefern von Severn über Datenbanken, Data-Warehouses, Middelware-Lösungen, bis hin zu Geschäftsanwendungen.. Wir wollen in unserem eigenen Geschäft besser und schneller werden. Das ist uns gelungen. Heute brauchen wir für ein neues Produkt im Durchschnitt bis zur Markteinführung vier Monate weniger als noch vor zwei, drei Jahren. Und was ein spannender Nebeneffekt ist: Wir sind so mit neuen Lösungen schneller am Markt als wenn wir ein Unternehmen mit interessanter Technologie dazu kaufen und integrieren würden.

SAP hat mit Hasso Plattner einen sehr starken Aufsichtsratsvorsitzenden. Welche Rolle spielt er für den Kurs?
McDermott: Hasso ist der Aufsichtsratsvorsitzender und einer der kreativsten Köpfe in der gesamten IT-Branche weltweit. Er hat zusammen mit unserem Technologie- und Innovationsvorstand Vishal Sikka unsere In-Memory-Datenbank HANA entwickelt. Und wir sind sehr froh, dass wir einen solchen Vordenker haben. Hasso kann um die Ecke schauen. Davon profitieren auch Jim und ich.

Sie beide haben nach ihrer Berufung an die Spitze täglich telefoniert, selbst sonntags. Ist das noch immer so?
Snabe: Es stimmt, am Anfang haben wir täglich telefoniert. Heute sprechen wir im Schnitt eher ein Mal pro Woche. Aber wir verstehen uns inzwischen fast blind. Das ist so wie beim Fussball: Da wissen Sie auch schon oft, wo ihr Mitspieler hinläuft, bevor er überhaupt losgelaufen ist. Wir haben unterschiedliche Charaktere, aber wir haben die gleichen Werte und ticken bei vielen Dingen gleich.

Wie oft sprechen Sie mit Hasso Plattner?
McDermott: Natürlich sprechen wir im Rahmen der Aufsichtsratssitzungen miteinander. Und wir treffen uns immer mal wieder, um über grundsätzliche Dinge zu sprechen. Das kann man sich wie eine Denkfabrik vorstellen, oft in einer zwanglosen Atmosphäre.

Zum Beispiel auf einer Segelyacht von Hasso?
McDermott: Manchmal oder an völlig anderen Orten. Häufig kommt dann auch der gesamte Vorstand zum Brainstorming zusammen.

Bei der Telefonkonferenz zur Berufung von Ihnen an die Konzernspitze sagte Hasso Plattner den inzwischen berühmten Satz, er wolle SAP wieder zu einem glücklichen Unternehmen machen. Ist SAP wieder ein glückliches Unternehmen?

McDermott: Wir sind auf diesem Weg und wir dabei auch etwas weiter als viele glauben. Das zeigen auch unsere Umfragen zur Mitarbeiterzufriedenheit. Aber das ist ein Rennen ohne Ziellinie. Wir werden uns nicht zurücklehnen und selbstgefällig sein. Wir sind demütig. Denn unsere Branche verändert sich rasend schnell. Von einem Moment auf den anderen kann man da alles verlieren.

Snabe: Es gibt ja zwei Formen von „Happiness“: Happy im Sinne von: Sie legen entspannt die Füsse hoch. Und die ambitionierte Form von Happy. Sie entsteht aus Arbeit, Ehrgeiz, Leidenschaft und dem Gefühl, zu siegen. Das ist die Form, die wir bei SAP anstreben.

Ihre Produktpipeline ist derzeit so stark wie selten zuvor. Die In-Memory-Datenbank HANA ist zum am schnellsten wachsenden Produkt in der Geschichte von SAP geworden. Ist HANA der Kern der Produktoffensive?
McDermott: HANA ist der Kern für die Erneuerung von SAP für sehr viele Jahre. HANA ist die treibende Kraft, die hinter allem steckt.

Bedeutet HANA das Ende der traditionellen Datenbanken?
Snabe: In vielerlei Hinsicht erinnert HANA mich an die 90er Jahre. Damals lief die Software auf mächtigen Mainframe-Rechnern. Dann kam eine viele billigere, flexiblere Technologie – die PCs. Diesen Übergang sehen wir jetzt wieder. Ein solcher Technologie-Sprung geschieht höchstens alle 20 Jahre. Aber wenn er kommt, ist er ziemlich verheerend für diejenigen, die daran nicht partizipieren. Wir sind überzeugt, dass HANA ein solcher Technologie-Sprung ist, eine Zeitenwende.

Und die traditionellen Datenbanken werden verschwinden?

Snabe: Das glaube ich nicht. Aber wir glauben, dass der Ansatz, Daten direkt im Arbeitsspeicher zu verarbeiten, sich durchsetzen wird.

Das ist keine gute Nachricht für Oracle?

McDermott: Wir sind nicht dazu da, um Oracle gute Nachrichten zu bescheren (lacht). Im übrigen dürfen Sie ja nicht vergessen, dass wir mit Sybase selbst im Geschäft mit relationalen Datenbanken unterwegs sind. Aber wir sind offen und bieten unseren Kunden die Wahlfreiheit, inklusive Oracle.

Oracle hat nach anfänglicher Kritik eine eigene In-Memory-Datenbank angekündigt, Microsoft auch. Wie weit sind Sie dem Wettbewerb voraus?

Snabe: Ein paar Jahre schon. Das ist zumindest die Wahrnehmung von vielen Kunden und Analysten, mit denen ich spreche. Aber entscheidend bei HANA ist nicht, dass relationale Datenbanken ersetzt werden. HANA bedeutet eine völlig neue Herangehensweise an die Nutzung von Daten, Analysen und die Gestaltung von Geschäftsprozessen in Echtzeit. Das ist ein völlig neues Zeitalter.

Die Rennaissance der SAP wird also weitergehen?
Snabe: Dieses Jahr im April feiern wir bei SAP den 40. Geburtstag. Dass wir mit HANA jetzt eine grundlegende Erneuerung des Unternehmens einleiten können, macht uns stolz. SAP wurde mit der Idee gegründet, die Führung eines Unternehmens auf der Basis von Daten in Echtzeit zu ermöglichen. Viele große Konzern glaubten damals nicht, dass das möglich sei. Jetzt erfinden wir dasselbe Unternehmen wieder – auf der Grundlage von Datenanalyse in Echtzeit, die viele Unternehmen noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten haben. Wir schaffen mit HANA jetzt die Technologie-Plattform für die nächsten 40 Jahre. Das ist etwas ganz Besonderes.

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From → Börse, IT

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