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Ökonomen-Barometer nimmt Talfahrt wieder auf

16/12/2011

Nach der jüngsten Verschnaufpause gibt das Ökonomen-Barometer im Dezember erneut nach. Zwar rechnen die Experten für 2012 noch mit Wachstum und weniger Arbeitslosen, aber die Skepsis steigt.

München. Deutschlands führende Volkswirte rechnen für das kommende Jahr mit einer deutlichen Abkühlung der Konjunktur in Deutschland. Das geht aus dem aktuellen Ökonomen-Barometer von Euro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor. Danach sank die Einschätzung der aktuellen Lage im Dezember gegenüber dem Vormonat um gut vier Prozent auf 59 Punkte. Die Erwartungskomponente gab mit einem Minus von rund 6 Prozent auf 44 Punkte noch stärker nach.

Mit dem jüngsten Rückfall hat das vor exakt fünf Jahren gestartete Ökonomen-Barometer seine seit dem Frühjahr andauernde Talfahrt zur Jubiläumsausgabe wieder aufgenommen. Inzwischen notiert der Erwartungswert auf dem niedrigsten Stand seit März 2010.

Die zuletzt erneut gewachsene Skepsis spiegelt die rückläufigen Konjunkturdaten wider. So kühlt die Wirtschaft inzwischen auch in wichtigen Wachstumsmärkten wie Indien oder China ab. In der Eurozone rechnen Volkswirte angesichts der grassierenden Schuldenkrise und teils drastischer Sparpakete in vielen Ländern wie Italien oder Griechenland ohnehin mit einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung.

Deutschland dürfte nach Einschätzung der befragten Ökonomen 2012 zwar nicht in die Rezession rutschen. Allerdings kann sich auch die größte Volkswirtschaft Europas dem Abwärtsdruck wohl nicht entziehen. Danach erwarten die Experten für das kommende Jahr nur noch ein leichtes Wachstum des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) von 0,7 Prozent nach einem Plus von drei Prozent im laufenden Jahr. Allerdings hatten führende Wirtschaftsforschungsinstitute im Wochenverlauf einen noch stärkeren Konjunktur-Rückschlag für 2012 vorhergesagt. Nach Einschätzung des Münchner ifo-Instituts dürfte die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr nur noch um 0,4 Prozent wachsen, das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) liegt mit einem Plus von 0,3 Prozent noch darunter.

Ungeachtet der deutlichen konjunkturellen Abkühlung rechnen die befragten Experten für das kommende Jahr jedoch mit einer weiteren Entspannung auf dem Arbeitsmarkt. Im Jahresdurchschnitt dürfte die Zahl der Erwerbslosen nach Einschätzung der Wirtschaftswissenschaftler bei 2,87 Millionen liegen. Das entspräche einem Rückgang von gut 100.000. Das Münchner ifo-Institut prognostiziert für 2012 sogar einen Rückgang von rund 150.000 auf 2,84 Millionen Arbeitslose.

Mehrheit für SoFFin-Neuauflage

Unterdessen trifft die beschlossene Wiederbelebung des Bankenrettungsfonds SoFFin unter den Experten auf große Zustimmung. Immerhin 69 Prozent der befragten Ökonomen halten den Schritt für sinnvoll, 20 Prozent lehnen ihn ab. Nach den am Mittwoch verabschiedeten Plänen können Geldhäuser Staatsanleihen in eine Bad Bank unter dem Dach des SoFFin auslagern.

Die Regelung gilt als Lex Commerzbank. Das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut musste zuletzt wegen ihrer Tochter Eurohypo Milliardensummen auf Staatsanleihen abschreiben. Die Bundesregierung hatte klamme Banken bereits in der ersten Finanzkrise 2008/2009 vor einem Desaster bewahrt. Nun greift sie bedrängten Instituten mit dem SoFFin erneut unter die Arme.

Die Mehrheit der Ökonomen hält das für richtig. Eine Wiederbelebung des SoFFin sei ein „sinnvoller Schritt, um das Finanzsystem widerstandsfähiger gegen die Folgen einer möglicherweise weiter eskalierenden Schuldenkrise im Euroraum zu machen“, erklärte etwa Prof. Ulrich van Suntum von der Uni Münster. Auch Prof. Jürgen Kähler von der Uni Erlangen-Nürnberg sagte, der Schritt sei „sinnvoll“. Demgegenüber warnte Prof. Thomas Gehrig von der Uni Wien, die Staatsgarantie verringere zwar kurzfristig die Rettungskosten, verhindere aber andererseits das „dringend nötige Umdenken bezüglich der Geschäftsmodelle“ und fördere „die Vollkaskomentalität im Bankensektor“.

Front gegen Eurobonds

Auch die bislang harsche Ablehnung von Eurobonds durch die Bundesregierung hält die überwiegende Mehrheit der Ökonomen im gegenwärtigen Umfeld für richtig. Eurobonds waren auf dem jüngsten EU-Gipfel zunächst vorgesehen. Doch wurde die entsprechende Passage auf Druck Deutschlands aus der Abschlusserklärung wieder gestrichen. Volkswirte halten das für richtig: Immerhin 83 Prozent lehnen die Ausgabe gemeinschaftlich garantierter Anleihen ab, gerade zwölf Prozent würden die Ausgabe von Eurobonds begrüßen. Es dürfe nicht auch noch eine Vergemeinschaftung von Schulden geben“, mahnte Alfred Boss vom Institut für Weltwirtschaft Kiel. Schon jetzt sei „in dieser Richtung über alle Maßen gesündigt worden“.

Der ehemalige Chef des Sachverständigenrats Prof. Juergen B. Donges erklärte, die Einführung von Eurobonds „setzten das einzige wirksame Marktinstrument zur Disziplinierung von finanz- und wirtschaftspolitisch unzuverlässigen Regierungen außer Kraft. Weder Papandreou, noch Berlusconi oder Zapatero, als sie in ihren Ländern noch Regierungschef waren, hätten Maßnahmen zur Haushaltssanierung und zu Strukturreformen getroffen (…), wenn die hohen Risikoprämien auf neu begebene Staatsanleihen sie nicht um den Schlaf gebracht hätten“, sagte Donges. Ähnlich argumentierte auch Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).

Allerdings schlossen zahlreiche Ökonomen langfristig Eurobonds nicht völlig aus. Eine Haftung für die Gemeinschaft könne erst dann übernommen werden, „wenn sich alle auf wirksame Regeln der Defizitbeschränkung verbindlich eingelassen haben“, erklärte etwa Prof. Thomas Gries von der Uni Paderborn.

Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 8. bis zum 15 Dezember rund 600 Volkswirte in Banken, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsverbänden befragt.

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From → Konjunktur

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