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Ökonomen-Barometer auf Rekordniveau

13/05/2011

Deutschlands führende Volkswirte halten Umschuldung Griechenlands für unvermeidbar – Kein Kurswechsel bei Berufung Draghis an EZB-Spitze erwartet

München. Deutschlands führende Volkswirte schätzen die aktuelle wirtschaftliche Lage so gut ein wie noch nie seit Einführung des Ökonomen-Barometers im Dezember 2006. Das geht aus dem aktuellen Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor. Danach stieg der Wert für die Beurteilung des wirtschaftlichen Umfelds im Mai um knapp vier Prozent auf das bisherige Allzeithoch von 76 Punkten. Auch die Einschätzung der erwarteten Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten legte nach dem jüngsten Dämpfer im April wieder deutlich zu und stieg um gut acht Prozent auf 75 Punkte.
Angesichts starker Quartalszahlen vieler Unternehmen, eines starken Wirtschaftswachstums von 1,5 Prozent im ersten Quartal und Steuermehreinnahmen von 135 Milliarden Euro bis 2014 sind die Erwartungen gestiegen, dass der Boom in Deutschland anhält. Zudem steigen die Beschäftigtenzahlen weiter. Erst am Donnerstag hatte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise erklärt, Deutschland steuere im Herbst mit 2,8 Millionen Arbeitslosen auf die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 20 Jahren zu.
Unterdessen spitzt sich die Lage in Griechenland weiter zu. Angesichts der Entwicklung plädiert mit 81 Prozent eine klare Mehrheit der Ökonomen für eine Umschuldung, 15 Prozent waren gegenteiliger Auffassung. Der Bundestag hatte am Donnerstag teils heftig über neue Hilfen für Griechenland gestritten. Finanzminister Wolfgang Schäuble erklärte, neue Hilfen könnten nötig werden, falls Griechenland nicht an die Finanzmärkte zurückkehren könne. Das gilt auf absehbare Zeit allerdings als unwahrscheinlich. Am Freitagmittag lag die Rendite für griechische Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit bei 23,5 Prozent. Demgegenüber rentierten die als sehr sicher eingeschätzten zweijährigen Bundesanleihen bei 1,76 Prozent.
Unter Ökonomen ist die Einschätzung angesichts dieser Ausgangslage ohnehin eindeutig: Griechenland sei so verschuldet, „dass eine Rückzahlung ohne Umschuldung unrealistisch erscheint“, sagte Prof. Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Allein zur Begleichung der Zinsen benötige das Land „jedes Jahr etwa 30 Milliarden Euro“. Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim warnte vor den möglichen Folgen, sollte Griechenland die Umschuldung verweigert werden. In einem solchen Fall sei „mittelfristig die vollständige Europäisierung der griechischen Staatsschuld unausweichlich. Dies wäre ein fataler Präzedenzfall und ein großer Schritt zur Transferunion.“

Die Mehrheit der Experten plädierte dabei für ein Maßnahmenpaket, um Griechenland finanziell wieder Luft zu verschaffen. „Man sollte die Maßnahmen möglichst breit streuen, um eine maximale Wirkung zu erreichen“, sagte etwa Prof. Jürgen Kähler von der Uni Erlangen-Nürnberg. 21 Prozent der Ökonomen plädierten in diesem Zusammenhang für einen pauschalen Schuldenschnitt (Haircut), 20 Prozent für längere Laufzeiten griechischer Anleihen. Danach folgten stärkere Privatisierungen (15 Prozent) sowie zusätzliche Sparanstrengungen (14 Prozent).
Mit Blick auf die erwartete Berufung des italienischen Notenbankpräsidenten Mario Draghi an die EZB-Spitze erwarten 84 Prozent der Volkswirte keinen Kurswechsel. Zuletzt hatte es vor allem in Deutschland Bedenken gegeben, ein Südeuropäer könnte das oberste Ziel der Preisniveaustabilität vernachlässigen. Demgegenüber erklärte Prof. Stephan Klasen von der Uni Göttingen, die EZB habe sich „eine Reputation für Stabilität erarbeitet, die nicht nur vom Präsidenten abhängt“. Unter Draghi habe die Banca d’Italia eine hohe Reputation errungen: „als Stabilitätsanker und als ordnungspolitischer Mahner für solide Staatsfinanzen und konsequente Strukturreformen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum“, sagte auch der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats, Prof. Juergen B. Donges.
Auf massive Kritik trafen Überlegungen aus der Industrie, die Einführung von Elektroautos zu subventionieren. Einem Bericht der FAZ zufolge plant die Bundesregierung für Forschung sowie Kaufanreize für Elektroautos rund eine Milliarde Euro bereitzustellen. Die Industrie hatte auf vier Milliarden gehofft. 82 Prozent der befragten Wissenschaftler lehnen derlei staatliche Finanzhilfen indes kategorisch ab. Es sei „völlig unklar, ob Elektroautos eine Zukunft haben oder sich eine andere Technologie durchsetzen wird“, sagte Prof. Justus Haucap, Chef der Monopolkommission zur Beratung der Bundesregierung. Es sei auch „kein Marktversagen zu erkennen, das eine solch drastische Subvention rechtfertigen könnte“. Subventionen für Elektro­autos seien nach Abwrackprämie und EEG hoffentlich nicht der „nächste Blödsinn“, sagte Haucap.

Ähnlich sieht es Prof. Roland Vaubel (Uni Mannheim): „Eine effiziente Umweltpolitik besteuert die Umweltverschmutzer, sie zahlt nicht Subventionen für den Verzicht auf Umweltverschmutzung“, zitierte er den Ökonomen Ralph Turvey.
Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 3. bis zum 10. Mai 650 Volkswirte in Banken, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsverbänden befragt.

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From → Konjunktur, Politik

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