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Gebremste Euphorie

15/04/2011

Inflationsgefahren, Japan und die Entwicklung in Nordafrika dämpfen den Konjunktur-Optimismus unter Deutschlands führenden Ökonomen

München. Der Konjunktur-Optimismus der führenden deutschen Ökonomen hat in den vergangenen Wochen einen leichten Dämpfer erhalten. Das geht aus dem aktuellen Ökonomen-Barometer des Nachrichtensenders n-tv und Euro am Sonntag hervor. Danach sank die Erwartungskomponente im April gegenüber dem Vormonat um gut fünf Prozent auf 69 Punkte. Dies ist der niedrigste Wert seit dem vergangenen Oktober. Dagegen blieb die Einschätzung des aktuellen wirtschaftlichen Umfelds mit 73 Punkten weiterhin nahe dem bisherigen Rekordniveau von rund 75 Zählern.

Die Mehrheit der Experten rechnet offenbar mit einer Konjunktur-Abkühlung auf hohem Niveau. Zu Beunruhigung besteht daher weiter kein Anlass. Die deutsche Konjunktur sei „robust“, erklärten mehrere der befragten Volkswirte unisono.

Allerdings hinterlassen die Entwicklungen in Japan und in Nordafrika sowie der jüngste Ölpreis-Anstieg und die steigende Inflationsgefahr ihre Spuren. „Trotz der erfreulichen Konjunkturentwicklung ergeben sich Risiken derzeit vor allem aus den steigenden Rohstoffpreisen“, hatte der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Prof. Wolfgang Franz, am Dienstag erklärt.

Angesichts der wachsenden Inflationsgefahren hatte die Europäische Zentralbank (EZB) unlängst den Leitzins auf 1,25 von zuvor 1,0 Prozent erhöht. Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jan Hatzius hatte den seit längerem erwarteten Zinsschritt im Vorfeld der EZB-Sitzung abgelehnt. Die Entscheidung „könnte zu  früh kommen“, warnte er mit Blick auf die hohe Arbeitslosigkeit und entsprechende Konjunkturrisiken in einigen europäischen Ländern.

Demgegenüber sehen 85 Prozent der befragten Volkswirte des Ökonomen-Barometers keine Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung in der Euro-Zone. Lediglich 13 Prozent teilen die Befürchtung von Hatzius. Noch deutlicher fiel das Ergebnis  hinsichtlich möglicher Gefahren für die deutsche Konjunktur aus. Gerade vier Prozent der Volkswirte halten den Zinsschritt für verfrüht. 94 Prozent sehen dagegen keinerlei Gefahren für die Konjunktur. Die Zinsentscheidung sei „richtig“, sagte der Konjunkturchef des Istituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, Prof. Joachim Scheide. „Die Zinsen in Europa und anderswo sind schon zu lange zu niedrig.“ Mit der Dauer steige „die Gefahr von Fehlentwicklungen, nicht zuletzt im Bankensystem“.

Zwar ergäben sich aus der Zinserhöhung Probleme für einige europäische Staaten, „die durch restriktive Sparmaßnahmen wieder am Rande einer Rezession“ stünden, sagte Prof. Martin Kocher von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Doch werde die Konjunktur in Europa „durch eine moderate Zinserhöhung nicht abgewürgt“. Der Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe, Prof. Michael Heise, sieht ebenfalls keine Gefahr für den Aufschwung. Ein Ausstieg aus der „ultra-lockeren Zinspolitik“ sei nicht mit einem „sehr restriktiven geldpolitischen Kurs gleichzusetzen“, erinnerte er.

Unterdessen müssen sich Unternehmen und Verbraucher in Deutschland wegen der möglichen Energiewende mittelfristig auf steigende Strompreise einstellen, erwarten die Ökonomen. Die Bundesregierung hatte unter dem Eindruck der Atomkatastrophe in Japan die sofortige Abschaltung von älteren Atomkraftwerken verfügt und zudem eine Rücknahme der vereinbarten Laufzeitverlängerung für Atommeiler in Aussicht gestellt.

Immerhin neun von zehn Ökonomen gehen daher mittelfristig von steigenden Strompreisen aus. Dies ergebe sich schon aus dem geringeren Angebot: „Durch das Abschalten der Atomkraftwerke wird weniger Strom produziert, also steigen die Preise“, sagte Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). „Die Abschaltung der AKW wird den Strompreis erhöhen, denn die anderen Energiearten sind teurer“ und die Umstellung benötige Zeit, sagte auch Prof. Xenia Matschke vom der Uni Trier.

Auf deutliche Zustimmung trafen Pläne von Bundeswirtschaftsminister Brüderle, die Genehmigungsverfahren für Hochspannungstrassen zu beschlenigen. Zwei von drei Volkswirten hält ein bundesweit einheitliches Genehmigungsverfahren für sinnvoll, neun Prozent lehnten dies ab. Immerhin ein Viertel der Befragten enthielt sich der Stimme. „Die bisherigen Genehmigungsverfahren haben sich als entscheidendes Hindernis für eine stäkere Nutzung insbesondere der Windenergie zur Stomerzeugung in Deutschland erwiesen“, sagte Prof. Michael Ahlheim von der Uni Hohenheim.

Forderungen nach einer Seuersenkung noch in der laufenden Legislaturperiode erteilten 77 Prozent der Ökonomen eine Absage. 21 Prozent sehen dagegen Spielraum für einen solchen Schritt. Eine „maßvolle Senkung hält den Konsolidierungsdruck aufrecht“, meint etwa Prof. Robert Schwager von der Uni Göttingen. Dagegen erklärte Prof. Michael Braulke von der Uni Osnabrück, Forderungen nach Steuersenkungen seien „angesichts der gigantischen Staatschulden ein Schmarrn“. Zudem nähmen „die Staatsaufgaben durch die Banken- und Nuklearkrise eher zu als ab“, mahnte Prof. Karl Mosler von der Uni Köln.

Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 5. bis zum 13. April insgesamt 650 Volkswirte in Banken, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsverbänden befragt.

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