Skip to content

Neue Fragezeichen hinter Bodyscanner-Test in Hamburg

27/08/2010

Der US-Hersteller der Ganzkörperscanner L-3 hat gegenüber dem Innenministerium bestritten, Streubomben herzustellen. Doch Dokumente belegen das Gegenteil.

München. Der US-Rüstungskonzern L-3 Communications produziert entgegen eigener Aussagen offenbar doch Streubomben sowie zentrale Bauteile für die weltweit geächteten Waffen. Damit wachsen die Fragezeichen um die geplante Erprobung von Ganzkörperscannern am Hamburger Flughafen erneut. Erst Mitte August hatten Presseberichte für Wirbel gesorgt, wonach L-3 Streubomben produziere.

Angesichts des öffentlichen Drucks hatte das Bundesinnenministerium den US-Konzern und den österreichischen Vertragspartner EAS Envimet Analytical zu einer Stellungnahme aufgefordert. L-3 habe versichert, dass man „Streumunition weder entwickelt, erzeugt“ noch mit ihnen handele, teilte das Ministerium am Dienstag mit. Daher würde der beabsichtigte Feldtest mit den Körperscannern von L-3 am Flughafen Hamburg plangemäß aufgenommen. Danach soll die Erprobung der umstrittenen Ganzkörperscanner Ende September starten.

Doch die Entscheidung des Innenministeriums könnte sich als voreilig erweisen. Denn laut einer aktuellen Produkt-Übersicht des Konzerns zu Lenkwaffen, Artillerie-Geschossen und Zündern, die Euro am Sonntag vorliegt, liefert die L-3-Waffentochter Fuzing & Ordnance Systems auch die Zünder für die Bombenhüllen. Die so genannten Bomblets gehen nach dem Austritt aus der Hülle auf einer Fläche von bis zu einem Quadratkilometer nieder. Abnehmer der so genannten „Extended Range Wind Corrected Munition Dispenser“ ist laut Produkt-Übersicht die US Air Force.

Daneben liefert L-3 nach Angaben des Aktionsbündnisses Landmine.de auch vollständige Systeme einschließlich Streumunition sowie die entsprechenden Zünder, etwa für die Artillerie: „Wir haben eine Broschüre, aus der eindeutig hervor geht, dass L-3 Streubomben produziert“, sagte der Leiter des Aktionsbündnisses, Thomas Küchenmeister. Landmine.de ist ein Aktionsbündnis von 17 Hilfsorganisationen, darunter Caritas, Brot für die Welt, Unicef und Handicap International.

In der L-3-Broschüre, die dieser Redaktion vorliegt, heißt es zur 155-Millimeter Granate für Haubitzen, das Projektil vom Typ „M864E2“ könne insgesamt 72 Sprengsätze („dual purpose grenades“) transportieren. Nach der am 1. August in Kraft getretenen Osloer Konvention sind Projektile geächtet, die mehr als neun Bomblets gleichzeitig transportieren.

Bomblets gelten als besonders schlimme Kriegswaffe, da sie über einem großen Zielgebiet ausgestreut werden. Bei ihrem Einsatz lässt sich kaum zwischen Soldaten und Zivilisten unterscheiden. Zudem gebe es eine hohe Blindgängerrate, sagte Küchenmeister. Wegen der hohen Fehlerrate könnten sie auch noch Jahre später explodieren. Häufig seien spielende Kinder die Opfer. Bislang haben weltweit 108 Staaten die Osloer Konvention unterzeichnet, 39 Staaten haben sie bereits in nationales Recht umgesetzt, darunter auch Deutschland. Russland, China und die USA haben die Konvention nicht unterschrieben. Sie gelten als größte Hersteller von Streubomben. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums war bis Redaktionsschluss dieses Beitrags nicht zu erreichen.

Advertisements

From → Börse, Politik

One Comment
  1. Weissenbach permalink

    Great piece of investigative journalism!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: