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Das Bodyscanner-Desaster

13/08/2010

Hohe Fehlerquoten und ein umstrittener Lieferant: Die Erprobung der neuen Ganzkörperscanner könnte bereits vor dem Start abgeblasen werden

München. Der geplante Test von Ganzkörperscannern am Flughafen Hamburg droht für die Bundesregierung zum Desaster zu werden. Am Flughafen Rom Fiumicino ist italienischen Medienberichten zufolge ein erster Feldversuch mit den umstrittenen Ganzkörperscannern vorzeitig abgebrochen worden. Die Testergebnisse seien „hinter den Erwartungen“, zitiert die renommierte römische Zeitung Il Messagero aus Behördenkreisen. Auch auf den Flughäfen Mailand sowie Venedig seien die Tests nach unzureichenden Ergebnissen „vorzeitig abgebrochen worden“. Lieferant der in Rom und Mailand beanstandeten Geräte vom Typ Provision ist eine Tochter des US-Konzerns L-3 Communications. Die Amerikaner sollen nach Angaben eines Sprechers des Bundesinnenministeriums auch die baugleichen Geräte für die geplante Erprobung der Ganzkörperscanner am Flughafen Hamburg liefern. Allerdings verfügten die Geräte über „eine im Laufe des Jahres 2010 kontinuierlich weiterentwickelt Software“, hieß es.

Nach Angaben aus informierten Kreisen habe die Zahl der Fehlalarme in Italien bei „über 70 Prozent“ gelegen. Die Geräte seien damit „nicht einsetzbar“, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person unter Berufung auf ein internes Schreiben. Eine Sprecherin der italienischen Behörde für die Zivilluftfahrt (ENAC) erklärte dagegen auf Anfrage, es gebe noch keine Ergebnisse. Die Tests würden erst nach dem Ende der letzten, noch andauernden Erprobung am Flughafen Palermo ausgewertet.  Zugleich widersprach sie der Darstellung, die Feldversuche in Rom oder Mailand seien noch während der Erprobung vorzeitig abgebrochen worden. Die Tests seien wie geplant nach einem jeweils achtwöchigen Probelauf „regulär“ beendet worden, hieß es.

Angesichts der Berichte aus Italien wachsen inzwischen auch hierzulande die Zweifel, ob die Geräte überhaupt die technischen Voraussetzungen erfüllen, um die bislang üblichen Kontrollen mit Metalldetektoren und Durchsuchungen der Passagiere zu ersetzen.

Zudem gilt die Entscheidung zugunsten von L-3 inzwischen auch politisch als brisant. Denn der US-Rüstungskonzern soll laut Zeitungsberichten einer der letzten noch verbliebenen Hersteller der weltweit geächteten Splitterbomben sein. Allerdings sind die Vorwürfe bislang ungeklärt. Möglicherweise liefert das Unternehmen lediglich Komponenten, wie sie auch in Splitterbomben eingesetzt werden könnten. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärte, man habe den Vermittler sowie L-3 um rasche Aufklärung gebeten.

Angesichts dieser Entwicklung gerät inzwischen auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in  Erklärungsnot. De Maizière hatte nach der Rückkehr aus seinem Urlaub Anfang August entschieden, die Bodyscanner der L-3-Tochter Security & Detection Systems auf dem Hamburger Flughafen erproben zu lassen. Unklar ist, ob dem Innenministerium zu diesem Zeitpunkt bereits die Berichte über die Vorergebnisse aus Italien vorgelegen hatten. Aus Berlin heißt, es sei vor diesem Hintergrund inzwischen „zumindest sehr fraglich“, ob die Erprobung überhaupt starten werde.

L-3 gehört neben dem US-Anbieter Rapiscan zu den wichtigsten Lieferanten von Ganzkörperscannern in den USA. In Manchester, wo Rapiscan-Geräte getestet werden, zeigten sich Flughafenvertreter unlängst mit den Testergebnissen hochzufrieden. Auch in den USA gibt es bislang keine Meldungen über eine ungewöhnliche Häufung von Fehlalarmen. Experten zufolge könnte dies daran liegen, dass L-3 in Europa baugleiche Geräte testet, die jedoch zusätzlich mit einem automatischen Erkennungssystem ausgerüstet sind. Die Auswertung erfolge auf Grundlage stark abstrahierter Darstellung der Passagiere unmittelbar am Gate.

In den USA werden die Bilder dagegen vom Gate an Computersysteme in speziell gesicherten Räume gesandt und ausgewertet. „Die haben dort bessere Bilder mit entsprechend geringen Fehlalarmen“, sagte ein Branchenexperte der Zeitung. In Europa habe man offenbar „schlicht Platz sparen wollen.“ Deshalb sei man auf ein automatisches Erkennungssystem ausgewichen. Doch sei die entsprechende Software noch unausgereift. „Bis die Algorithmen so weit sind, wird’s noch wohl noch dauern“.

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From → Börse, IT, Politik

2 Kommentare
  1. Weissenbach permalink

    Das ist echt gut recherchiert!

Trackbacks & Pingbacks

  1. Neue Fragezeichen hinter Bodyscanner-Test in Hamburg « Insight

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