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Möglicher EU-Beitritt der Türkei unter Volkswirten umstritten

30/07/2010

Viele Ökonomen halten eine Aufnahme für verfrüht, andere für unausweichlich

München. Ein möglicher EU-Beitritt der Türkei ist unter führenden deutschen Volkswirten umstritten. Dies geht aus dem jüngsten Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor. Danach erklärten 40 Prozent der befragten Experten, sie begrüßten einen EU-Beitritt des Landes, 42 Prozent lehnten ihn ab. Die übrigen Teilnehmer enthielten sich der Stimme.

Erst am Dienstag hatte sich der britische Premierminister David Cameron vehement für einen Beitritt ausgesprochen und dabei auf das „immense wirtschaftliche Potenzial und den wachsenden Einfluss der Türkei im Nahen Osten“ verwiesen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte dagegen am Mittwoch in Istanbul und Ankara erklärt, Deutschland habe ein „großes strategisches Interesse an einer Anbindung der Türkei an die EU“, allerdings sei das Land zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch „nicht beitrittsfähig“.

Viele Volkswirte sehen das ähnlich. Es sei zwar „sinnvoll, den wirtschaftlichen Austausch so weit wie möglich zu intensivieren“, erklärte Hans-Joachim Haß vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), aus kulturellen Gründen wäre ein Beitritt jedoch weniger sinnvoll.

Zudem warnten zahlreiche Fachleute davor, die Union mit ihren inzwischen 27 Mitgliedern zu überfordern. „Statt die EU ständig zu erweitern und damit die wirtschaftlichen und sozialen Divergenzen zu vergrößern, sollte zunächst die Tiefe der Integration im Vordergrund stehen“, sagte der Wirtschaftsweise und Chef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Professor Christoph M. Schmidt. Derzeit würde eine Vollmitgliedschaft „auch aus Sicht der Türkei wenig Sinn machen, weil sie erhebliche Anpassungslasten tragen müsste“. Übergangsregelungen wie eine Zollunion sollte das Land „nicht als Zurücksetzung, sondern als Chance sehen“, so Schmidt. Außerdem wiesen mehrere Experten auf mögliche finanzielle Risiken hin: „Die Türkei wäre ein weiterer, riesiger Subventionsempfänger und würde zudem als großes Land maßgeblich bei der Geldverteilung mitbestimmen. Die daraus erwachsenden Konflikte könnten die EU sogar zerstören“, erklärte Professor Ulrich van Suntum (Uni Münster).

Andere Ökonomen betonten dagegen die wirtschaftlichen Chancen und die geostrategische Relevanz des Landes. Die Türkei sei eine „wichtige Brücke zum Mittleren Osten, der wirtschaftlich und politisch für uns von zentraler Bedeutung ist“, erklärte Professor Stephan Klasen (Uni Göttingen). Auch Professor Ansgar Belke (Uni Duisburg) sagte, ein Beitritt wäre „ökonomisch vorteilhaft“.  Außerdem sei die Türkei ein wichtiges „Energietransitland“, betonte Professor Spiridon Paraskewopoulos, Emeritus der Uni Leipzig. Eine Aufnahme würde damit auch die Energiesicherheit der EU erhöhen.

Für das Ökonomen-Barometer werden monatlich rund 300 Volkswirte aus Banken, Universitäten und Forschungsinstituten befragt.

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From → Konjunktur, Politik

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