Skip to content

Gamesbranche

25/02/2010

„Chaos statt Rechtssicherheit“

Videospiele-Anbieter lehnen  geplante Gesetzesnovelle entschieden ab – Branche befürchtet Doppelaufwand und Verwirrung bei Verbrauchern

Von Thomas Schmidtutz

München. Die Anbieter von Videospielen lehnen die geplanten Änderungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages in zentralen Passagen entschieden ab. Wenn die geplanten Regelungen so umgesetzt würden wie derzeit geplant, drohe „bei der Alterseinstufung von Online vertriebenen Videospielen künftig Chaos statt Rechtssicherheit“, sagte der Deutschland-Chef des Branchenprimus Electronic Arts (EA), Olaf Coenen, gegenüber Euro am Sonntag. Zudem befürchten die Anbieter „erheblich längere Bearbeitungsfristen“ und „Irritationen bei Verbrauchern“, sagte Coenen mit Blick auf die mögliche Einführung weiterer Alterseinstufungen durch eine zusätzliche Prüfinstanz. Die Branche wolle einen funktionierenden Jugendschutz. Aber der derzeitige Gesetzentwurf  führe „zu mehr Verwirrung bei Verbrauchern statt weniger“, warnte Coenen.

Nach dem aktuell diskutierten „Arbeitsentwurf zur Änderung rundfunkrechtlicher Staatsverträge“ vom 18. Februar 2010, der dieser Zeitung vorliegt, soll die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) die Oberhoheit über die Alterseinstufung von Onlinespielen haben, für die es dann auch eigene Prüfsiegel geben kann. Dies sei „ein Irrweg“, sagte Coenen. Die Branche verfüge mit der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) über ein „jahrelang erprobtes und anerkanntes Kontrollorgan“. Die 1994 gegründete USK wird von den Spieleherstellern getragen und arbeitet eng mit den Obersten Landesjugendbehörden der Länder (OLJB) zusammen. Die USK kümmert sich um die organisatorische Abwicklung der Spiele-Prüfung. Die OLJB vergeben die Alterseinstufung und sollen damit den Jugendschutz im Auftrag des Bundes sicherstellen.

Die bei den Landesmedienanstalten angesiedelte KJM ist dagegen für den Jugendschutz im Radio und TV sowie im Internet zuständig. Daraus leitet die Kommission nun auch die Zuständigkeit für Online-Spiele ab. Nach der aktuell geplanten Novelle (Paragraf 19, Abs. 5) könnte die KJM ein Urteil der USK künftig jedoch überstimmen. „Das ist das Gegenteil von Rechtssicherheit“, grollt ein Branchenvertreter, der ungenannt bleiben wollte. Coenen sagte, eine solche Regelung führe in der Praxis dazu, dass Online-Spiele jeweils zwei Mal geprüft werden müssten – mit der Gefahr unterschiedlicher Prüfstandards. „Das ist niemandem zuzumuten.“

Zudem drohten mit der Einbindung der KJM deutlich längere Prüffristen als bislang. „Die Erfahrung zeigt, dass die KJM derzeit bei Filmen teilweise mehrere Monate für eine Einstufung benötigt, die USK dagegen nur wenige Wochen.“ Damit liefe man Gefahr, die in der Branche üblichen weltweit einheitlichen Produktstarts am selben Tag in Deutschland künftig nicht einhalten zu können. Dazu käme weniger Transparenz für Verbraucher durch zusätzliche Prüfsiegel.

Hintergrund des Kompetenzgerangels zwischen USK und KJM ist offenbar der Versuch, rechtzeitig die wichtigen Claims abzustecken, heißt es aus der Branche. „Da geht es schlicht und einfach um den Nachweis und die Absicherung der eigenen Daseinsberichtung“, sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person. Zwar werden derzeit noch rund 85 Prozent aller Spiele per CD oder DVD auf den Markt gebracht. Doch bei den Spieleanbietern zweifelt niemand daran, dass dieser Anteil in den nächsten Jahren zugunsten der Online-Spiele rapide zurückgehen wird. Neben Downloads von Videospielen gewinnen reine Online-basierte Spiele, bei denen Spieler ihre Figuren mit Extras wie coolen Klamotten oder mächtigeren Schwertern aufwerten können, immer mehr Anhänger.

Ob sich die USK am Ende die alleinige Zuständigkeit für die zukunftsträchtigen Online-Spiele sichern kann, oder die KJM das Rennen macht, ist derzeit offen. Nach den aktuellen Planungen wollen die zuständigen Länderminister die finale Version der Gesetzesnovelle bereits Ende März absegnen, bevor sie den Landtagen zur Abstimmung vorgelegt werden soll. Zum 1. Januar 2011 soll der geänderte Staatsvertrag dann in Kraft treten. „Viel Zeit für Korrekturen bleibt da nicht mehr“, heißt es aus der Branche.

Advertisements

From → Börse, IT

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: